Wie geht Heileurythmie ohne gemeinsame Sprache – und was ist aus mir geworden? – How to work with eurythmy therapy with no common language – and what’s become of me here in India?

Wer hier mitgelesen hat, erinnert sich: Jivak, der Arzt, hatte mich einmalig im Himalaja getroffen und jenseits von wenigen Stunden Kunsteurythmie keine Ahnung, was ich eigentlich beruflich treibe. Immerhin sehr mutig, mich einzuladen. So geht es zu Anfang erst mal um die Frage, was ich eigentlich mache. Und nicht nur Jivak will das wissen – jeder fragt mich. Und natürlich möchte jeder gerne eine persönliche Einführung, statt auf einen allgemeinen Einführungsabend zu warten. Die ersten Tage bin ich fast nur am Reden. Und wundere mich, warum meine Stimme nicht mitmacht. Erst viel später realisiere ich, daß der beständige Lärm von Rikhshas, Hupen, Dröhnen und sonstigem aktustischem Ausdruck indischer Lebensfreude für einen ständig anwesenden Lautstärkepegel sorgt, den ich nicht gewohnt bin und zu übertönen versuche.

Who here has read along, recalls: Jivak, the doctor who had once met me in the Himalayas and – beyond a few hours eurythmie as an art – has no idea what kind of a therapy I am working with – which possibilities this has and what it requires. After all: very brave, to invite me. So it is only a beginning to look around the question of what I am doing. And not only Jivak wants to know – everyone asks me. And of course everyone likes to have a personal introduction, rather than to wait for the general introduction at one of the evening. The first days I’m almost just talking. And I wonder why my voice gives up. Only much later I realize that the constant noise of Rikhshas, horns, drones and other Indian acustic expressed joy: this ever-present volume, which I’m not used to, kills my voice because I talk louder than usual.

Untergebracht bin ich in einem Zentrum dieser internationalen Buddhistischen Bewegung, aus der viele NGO-Projekte entsprungen sind – unter anderem eben auch die Heime, die ich jetzt sehe. Dieses Zentrum beherbergt einen großen Andachtsraum, eine Bibliothek mit unzähligen Büchern zum Buddhismus und Religionen im Allgemeinen sowie eine Küche, die jeden verköstigt, der zur rechten Zeit kommt.

I am housed in a center of the international Buddhist movement, from which many NGO projects have arisen – including just the homes that I see now. This center houses a large prayer room, a library with numerous books on Buddhism and religions subjects in general as well as a kitchen, the feeds everyone who comes at the right time.

Neben der Arbeit im Mädchenheim schickt mir Jivak eine Unmenge an Patienten, die zum Teil schon Jahrzehnte chronisch krank sind. Und ich stehe in den ersten Tagen voller Entsetzen zwischen der immensen Hoffnung, die diese Menschen in mich legen, und meinen Hilfeschreien an Jivak: denn natürlich brauchen derartige Gesundheitliche Probleme eine wirklich langfristige Betreuung und in 3 Wochen mit 5 Stunden ist da wirklich rein gar nichts auszurichten ausser vielleicht – wenn es gut geht – daß die Leute ein paar angenehme Stunden hatten durch die Übungen. Die Biografien, in die ich dabei schaue, sind mein erster wirklicher Kulturschock in diesem Land: arme Menschen, zum Teil ohne Schulbildung, die oft noch die Familien der Geschwister mit ernähren.

Besides working in the girl’s home Jivak sends me a ton of patients, some of which have been chronically ill for decades. And I stand in the first days in the terror between the immense hope which these people put in me, and my cries for help to Jivak: because of course such health problems need a real long-term care and in 3 weeks with 5 hours there is really absolutely nothing to gain except perhaps – if all goes well – that the people had a few pleasant hours through the exercises and a few new ideas. The biographies in which I look here are my first real culture shock in this country: poor people, sometimes without the education, which often feed the additional families of the siblings – what a difference to our well-of western countries.

Tja, und nun – die Übersetzungen: die erwachsenen Patienten, die sich nicht selber verständigen können, kommen mit Ehemann zur Anamnese – Jivak fand das ganz normal. Die Heileurythmie selber habe ich aber nun nur mit den Betroffenen gemacht, für etwaige Fragen haben wir Jivak in der Klinik als Übersetzungshilfe angerufen – in Indien geht eben alles.

Well, now – the translations: the adult patients who can not communicate theirself are coming with their husband for the medical history – Jivak found that perfectly normal. But the Eurythmy therapy itself I have now done only with the person itself: For any questions we have called Jivak in the clinic as a translation device – just in India, anything goes.

Im Mädchenheim organisiere ich mir kurzfristig im Last-Minute-Verfahren einen Übersetzer hier aus dem Haus, der sich für die erste Stunde der Mädchen aufopfert – und danach geliefert ist. Wir haben für den Anfang traumatisierte Mädchen ausgewählt, die unter diversen Symptomen (Alpträume, Bauchweh und sonstiges) leiden, aber lächeln konnten und hoffnungsvoll erschienen und sich in der Einrichtung wohlzufühlen scheinen. Diese asiatischen Herzen fliegen einem ja im Fluge zu – aber darf ich mit Kindern, die bereits von Menschen geschlagen, getreten, mißbraucht wurden, an mich binden – für 3 Wochen, und dann bin ich wieder weg? Sicher nicht. Ich wähle für die Behandlung den schwereren Weg und stelle diese 11-12 jährigen von vornherein auf sich selber: ich stütze und erwecke in ihnen Selbstsicherheit und Unabhängigkeit. Hier im Asiatischen Raum, der eigentlich keine Privatsphäre kennt, sicher ein ungewöhnliches Verfahren. Aber die Entscheidung erweist sich als richtig. Für die 2. Behandlung der Kinder helfen Eingangs in paar Minuten mal der Englischlehrer aus, mal eine sehr gut englisch sprechende Betreuerin, die mehrere Stunden dabei bleibt. Ab der 3. Behandlung sind alle Mädchen mit mir alleine, wobei wir meist zu Beginn der Stunde jemanden haben, der kurz für die allfälligen Fragen zur verfügung steht: Wie geht es Dir? Gut geschlafen? Gab es etwas Besonderes? Der Rest geht ohne Dritte – und er geht gut, auch mit meinem größten Sorgenkind.

In the girls‘ home, I organize myself on short time in a last-minute procedure a translator here from out of the house: Amil, which sacrificed himself for the first hour of treatment of the girls – and is then finished. We have chosen to start with traumatized girls who can still smile and have various symptoms (nightmares, stomach aches and other), but appeared hopeful and seemed to feel comfortable in the facility. These Asian hearts fly to you, yes – so it would be very easy to work on that line and let them love me. But with children who have been beaten, dissapointed and traumatised by people and who were already abused – can I bind them to me for the just 3 weeks, and then I’m gone? Certainly not. I choose to treat the more difficult path and put this 11-12 years from the outset to theirself: I support and inspire in them confidence and independence. Here in the Asian region, in which the culture really knows no privacy, certainly an unusual procedure. But the decision proved to be correct. For the second treatment of the children I received help for just few minutes at the beginning of the lesson from the time English teacher, sometimes a very good English-speaking warden who stays here for several hours helps out. From the 3rd Treatment are all the girls with me alone, and we usually have at the beginning of the day someone who is able to translate any possible questions: How are you? Did you sleep well? Was there something special? The rest goes without a third party – and works well, even with the child which is my biggest concern.

Und dann die Einführungen: Wieder ganz Indien! Die erste Einführung ist in einem Tempel, in dem Jivak normalerweise seine Stunden gibt: Eigentlich weiß er, daß wir für das Bewegen Platz brauchen. Aber das ist nun seine Lösung: 40 m2. Statt 20 Leuten sind nur 6 da, die anderen sind in irgendeiner anderen Veranstaltung. Also fange ich halt an mit einer Einleitung im Sitzen. Im Laufe der nächsten 40 Minuten tröpfeln weitere 18 Leute ein und wir verlagern die praktische Einführung kurzerhand auf eine Woche später. Aber eben auch dieses ist Indien: ich habe nie eine spirituellere Einführung zur Eurythmie gehalten als hier – das würde bei uns keinen interessieren. So wird das ein tief bewegter Abend mit diesen fremden und zunächst distanzierten Menschen, in dem viel Nähe und Verbindung geschaffen wird. Überhaupt ist das eine Signatur der ersten Woche: wenig ist so organisiert wie wir das in Deutschland kennen und das Meiste wird kurzfristig wieder umgearbeitet – aber alles erweist sich als GENAU RICHTIG. Ist auch das eine spirituelle Gesetzmässigkeit dieses Landes, daß das unregulierte Chaos eben auch viel mehr geistiges Leben möglich macht, das sich nach seinen eigenen Gesetzen spontan entfaltet, als in unserem durchstrukturierten – oder sollte man sagen: durchmechanisierten – Land?

And then the introductions: again all typical India! The first launch is in a temple in which usually Jivak gives his buddhistic sessions: Actually, he knows that we need moving space. But this now is his solution: 40 m2. But instead of 20 people there are only six, the others are in some other event. So I started with the introduction by talking and just sitting. Over the next 40 minutes, another 18 people dribble in and we summarily relocate the practical introduction to one week later in an other room. But also this is India: I have never held a more spiritual introduction to eurythmy as here – nobody would be interested in our country to that approach. So that is a deeply moving evening with these at first strange and distant people and a closeness and a linkage is formed. It is a signature of the first week that little is organized the way as we know it in Germany, but a huge amount of organisation goes behind the courtains through Jivak and just in time. BUT: inspite of the seemingly chaos everything turns out to be EXACTLY RIGHT. Is this a spiritual law of this country: that the unregulated chaos makes just a lot more spiritual life possible, which spontaneously develops under its own laws, then in our highly structured – or should one say: mecanisiesed – country, where there seems to be no more time and energy to be spiritual and emotional moved?

Kugelübungen bei der ersten Einführung / Excersise with balls in the first introduction:

Die ersten Tage bergen so viel Neues, so viele Herausforderungen, daß ich kaum schlafe und dann irgendwann – siehe oben – meine Stimme kollabiert. Ab Donnerstag bin ich krank, ausgeschaltet und bekomme keinen Ton mehr raus. Das Wochenende in dem Retreat bringt dann neue Kräfte und diese Woche jetzt ging Problemlos.

The first few days involve so many new things, so many challenges that I sleep little and then eventually – see above – my voice collapses. Starting Thursday, I’m sick and get no more sound out. The weekend at the retreat, then brings new strength and this week went without problems now.

Das Heim für die Jungens /The Hostel for the Boys:

Ca 80 Jungen leben, lernen, essen und schlafen hier auf ca 2x 100 m2 – und sind damit glücklich: sie wissen, daß sie alternativ auf der Strasse betteln oder in den Feldern arbeiten müssten. Statt dessen bekommen sie eine Schulbildung. Die Geschichten sind nicht anders als im Mädchenheim.

Approximately 80 boys live, learn, eat and sleep here at about 2 x 100 m2 – and are happy: they ought to know, alternatively, that they beg on the streets or working in the fields. Instead, they get an education. The stories are no different than in the girls‘ home. All the pictures are made ba the leader VIVEKBHADRA from this place called Lohegaon.

Hier werde ich vor die Mannschaft mit dem Englisch Lehrer als Übersetzer auf einen Stuhl gesetzt, und 2 Kulturen begegnen sich staunend. Die Schüler stellen Fragen, ich antworte. Viel wird auch gelacht, vor allem am Anfang.

Here I got a chair infront of the whole team and the boys with the english teachers as a translator, and two cultures meet each other in amazement. The students ask questions, I answer. Much laughter is there, especially at the beginning.

Irgendwann möchte einer der grösseren Jungs ein deutsches Lied von mir hören. Spontan denke ich an das russische kalinka, das ich zum Stabwerfen mit dem Rhythmus vv_ nutze. Nur – wo sind Stäbe? Am Ende werden mit viel Aufwand in der Nachbarschaft diese beiden Stöcke aufgetrieben – und der fragestellende Schüler läßt sich auf das Abenteuer ein. Da dieser Rhythmus in Pune offensichtlich auch zum Beifallklatschen verwendet wird, endet das Experiment damit, daß beide Stöcke fliegen, die Schüler klatschen und ich Kalinka singe – mit Beschleunigung: der Junge war fit.

Eventually one of the bigger boys want to hear a German song of mine. I spontaneously think of the Russian Kalinka, which I use for the eurythmy excercise of throwing sticks with the rhythm vv_. But – where are rods? In the end, with a lot of effort some are raised in the vicinity of the place – and the questioner pupils is in for an adventure. Because this rhythm is used in Pune obviously also for the applause, the experiment ends with both sticks flying, the students clap and I sing the Kalinka – with acceleration of speed: the boy was fit!

Im Mädchenheim / In the Girl´s Hostel

laufen diverse Tanzprogramme am Nachmittag: erstklassige, richtig gut tanzende Männer kommen, bestätigen und befeuern diese Mädchen, geben ihnen Freude und Selbstwertgefühl. Auch Karate oder eine ähnliche Kampftechnik sehe ich einen Nachmittag. Ich beginne zu verstehen, wie diese Erfolge und Veränderungen in den Kindern geweckt werden.

Meanwhile various dance programs in the afternoon happen fro the girls: first class, really good dancing men are teaching, and fueling these girls, give them joy and self-esteem. I begin to understand how these successes and changes are awakened in the children. Also one martial arts session I get to watch.

Das „Children of Sexworkers-Project“:

Ziemlich weit ausserhalb von Pune liegt diese Einrichtung / This facility is pretty far outside of Pune.

Hier leben knapp 90 Kinder von Prostituierten. Das Schicksal dieser Kinder ist auch für indische Verhältnisse erschütternd. Die Mütter legen die Kleinen, wenn der Freier kommt, unter das Bett. Ist das Kind nicht ruhig, wird es mit Opium still gestellt. Da die Mutter oft HIV-infiziert ist, sind viele Kinder hier Vollweise, da sie natürlich keinen bekannten Vater haben.

Here are living nearly 90 children of prostitutes. The fate of these children is staggering even by Indian standards. The mothers put the little ones, if a customer comes, under the bed. If the child is not calm, it is silenced with opium. Since many mothers are (or were) infected with HIV, many children are here full orphanages, because they obviously have no known father.

Diese Kinder machen auch jetzt noch tagtäglich die Erfahrung, daß sie für ihre Umgebung der letzte Dreck sind: die Bewohner der Nachbarschaft werfen schon mal mit Steinen.

These children make the experience even now, every day, that they are treated like dirt from their outside environment: the residents of the neighborhood even occasionaly hrow stones at them.

Die Kinder werden zum Teil schon mit 6 Monaten in der Einrichtung aufgenommen. Je ein älteres Kind betreut ein jüngeres Kind mit – in Indien ja ein völlig normales Vorgehen. Nur zum Schulgang verlassen sie das Gelände.

The children are accepted in part already at the age of 6 months in the facility. Each older child cares for an a younger child – in India, this is a perfectly normal procedure. Only for school visit they leave the grounds.

Die Ältesten lernen irgendetwas und tragen die erworbenen Fähigkeiten zurück in die Gemeinschaft. Hier lernen die Kinder auch, Gemüse anzubauen, so daß sie sich später mal selber versorgen können, wenn sie eigene Familie haben.

The elders learn something and take back the acquired skills in the community. Here the children learn for example to grow vegetables, so that they can feed themselves in later times, when they have their own family.

Einige Ältere führen mir einen Tanz auf: von einer Bauernfamilie, die auf Regen wartet, der nicht kommt. Die Bilder hierzu müssen warten, da ich die Videos hier nicht bearbeiten kann, aber eines wird deutlich: diese jungen Menschen wissen, was Leid und Verzweiflung ist.

Some older girls perform a dance, which is about a farming family that is waiting for rain that does not come. The pictures about this have to wait, because I can not edit the videos here, but one thing is clear: these young people know what is sorrow and despair.