Leticia und Tabatinga – oder die 2 Arten des Omertas

Das Flußufer eines Amazonasarmes: die Vorderseite gehört zum brasilianischen Tabatinga, das gegenüberliegende Ufer zu Perus Santa Rosa und rechts schliesst sich das kolumbianische Leticia an – sieht am Fluß überall gleich aus…

Wenn man 2000 km auf dem Amazonas und seinen Zuflüssen gereist ist, bekommt man ein Gefühl dafür, was das Land als Lebensgrundlage für seine Menschen so hergibt. Hier im Blog bin ich auf die Menschen, ihre Dörfer und Orte entlang des Flusses und die Betriebe und Erwerbsmöglichkeiten, mit denen sich die Leute ernähren können, noch nicht eingegangen. Das wird auf der Website demnächst nachgeholt, hier sei nur erwähnt, daß mich die Menschen und ihre Lebensgrundlage mit dem Fluß und dem Dschungel tief begeistert haben. Eines aber ist deutlich und entlang des gesamten Amazonas deutlich sichtbar: Reichtümer lassen sich dort nicht erwirtschaften, jedenfalls nicht für die Allgemeinbevölkerung eines Ortes abseits der wenigen grossen Städte und nicht auf legalem Weg. Die Menschen dort sind arm. Sie hungern nicht, aber sie kennen auch keinen Luxus.

Die Kolonialmächte und diverse kriegerische Auseinandersetzungen haben hinsichtlich der Grenzziehung zwischen Peru und Brasilien dazu geführt, daß Kolumbien einen Zugang zum Amazonas bekommen hat, entsprechend wurde eine Linie auf dem Reißbrett mit dem Lineal gezogen, die Kolumbien eine schnurgerade Grenzziehung durch den Regenwald gibt, der nicht durch Flüsse bedingt ist. Der Regenwald Kolumbiens ist Hoheitsgebiet der Guerillakämpfer – und der Drogenhändler. Leticia hat in dieser letzteren Hinsicht eine sehr unrühmliche Vergangenheit und wohl auch Gegenwart, auf die allerdings in keinem Reiseführer eingegangen wird. Leticia ist für Touristen eine absolute Erholung, ein ruhiges, vergleichsweise luxuriöses, völlig sicheres und entspanntes Pflaster, das auch viele Amerikaner als Basis nutzen, um den Dschungel kennen zu lernen. Einer der wenigen Orte, an dem man vor Dieben oder Entführungen meines Wissens nach eigentlich keine Angst haben muss.

Mike Tsalikis brachte Leticia zu seiner Größe. Wegen Drogenhandel in den 80´ern in den USA verurteilt, wird ihm auch sonst so einiges andere nachgesagt: Export von -hunderttausenden von Affen an die Pharmaindustrie und sonstwen, Handel mit Dschungeltieren und Tierhäuten und Agent der CIA sind die appetitlicheren Dinge, mit denen er in Verbindung gebracht wird. Aber auch nach seiner Verhaftung kommt der Ort nicht aus den Gerüchten um schlechte Machenschaften heraus. Menschen verschwinden, Tote tauchen im Amazonas auf ohne innere Organe und zudem ohne Köpfe. Neurologische Forschungsprojekte werden der Region nachgesagt, interessant scheint zu sein, auf welchen Grundlagen die teilweise hellsichtigen Fähigkeiten der indigenen Medizinmänner beruhen. Wer sich damit beschäftigen will, unten stehen die Quellenangaben. Alles in allem für uns ein Ort, den wir nicht umgehen wollen, da wir eh schon in der Region sind.

Eigentlich weiß ich nicht, was ich erwarten soll. Und so nehme ich mit einer gewissen Verblüffung wahr, wie extrem sich Leticia vom Rest der uns bekannten Dschungelorte unterscheidet. Das Brasilianische Tabatinga liegt direkt neben Leticia, Grenzkontrollen finden kaum statt, man kann hinüber laufen. Beide Orte haben dieselben natürlichen Ressourcen. Denselben Fluß, denselben Wald, dasselbe Land. Tabatinga hat viel Militär, diverse Hochschulen und anderes, was dem Ort eigentlich einen gewissen Wohlstand und Standard sichern könnte, und er ist ein wenig grösser. Tatsächlich könnte der Unterschied zwischen den Orten nicht grösser sein. Die Menschen in Tabatinga sind arm, der Ort sieht nicht anders aus als alle anderen Orte, die wir bisher gesehen haben. In den paar Läden einfachste Billigkleidung, einfachste Hängematten, ein paar einfachste rudimentäre Küchengeräte, das wars so etwa. In Leticia gibt es mehrere Einkaufszentren für technisches Gerät. Hier sehe ich mehr große, einen Meter breite Flachbildschirme neuester Machart (in einem Laden ca 20 Stück!), als in einer deutschen Kleinstadt. Einen Laden voll mit DVDs gibt es, der hat die mehrfache Größe eines üblichen kleinen Restaurants in Peruanischen Städten. Dessous, moderner Kinderspielzeugramsch in Rosa, dasselbe Zeug wie im Stuttgarter Spielwaren Kurz, nur der Laden lang nicht so groß, die Liste moderner Errungenschaften, die man hier kaufen kann, ließe sich fortsetzen. Mehr Motorräder als Menschen, meint man manchmal. Daß dieser Reichtum auch nicht von Bogota aus hier herunter abfärbt, wird uns dann in Bogota deutlich.

Ja, wo kommt jetzt der Reichtum her? Eine Reihe der Hotels haben Swimmingpools, in denen die Einheimischen ihre Kindergeburtstage feiern. Arm sind hier nur die Gemüsehändler und die Fischer.

Was mich tief betroffen macht, ist ein Blick auf die Menschen. Hier sitzen die Einheimischen zuhauf in den neuesten Klamotten in Cafes und Restaurants und geniessen das Leben. Frauen mit den Kinderwagen in den Cafes sind ein regulärer Anblick. Im übrigen Amazonasgebiet arbeiten die irgendwas und das ältere Geschwisterkind kümmert sich um die Kleinen, die Männer hängen mal für eine Weile in einer der kleinen Buden rum, aber das wars. Und hier lerne ich im Angesicht dieser Menschen, daß es zwei Arten des Omertas gibt: In Sizilien haben die Menschen Angst, darum schweigen sie, egal ob sie etwas wissen oder nicht. Hier – schweigen die Menschen, weil es eben die Mehrzahl der Menschen betrifft und diese von den Vorgängen profitieren. Die Männer wissen, was sie tun, und ihr Gesichtsausdruck mit seiner entspannten Lebenszufriedenheit sagt klar: Das ist unsere Sache und unser Ding und geht (in moralischer Hinsicht) keinen was an. Und ja, in der Tat, das kann man so sehen: das weiße Zeug geht an die westliche Menschheit und ihre reicheren und gebildeten Exemplare, und die sollten doch selber erwachsen genug sein um zu wissen, was sie wollen, oder nicht…? Nicht…?

Spricht man die Leute – egal welchen Bildungsstandes – auf den verblüffenden Unterschied zwischen Tabatinga und Leticia an, kommt ein wissend-verschämtes Lächeln und dann eine Standartantwort banaler nichtssagender Erklärungen, die sich problemlos auch wiedersprechen können und nur eines sagen: einfach nicht fragen – es gibt nichts zu sagen dazu.

Schon mein vager Versuch, die Auslagen in den Geschäften und die Straßen zu fotografieren, handelt mir unmittelbar misstrauische Blicke ein (in Bogota haben wir uns dann gar nicht mehr zu fotografieren getraut). Wer Wikipedia etwas kennt, dem sagt die Seite und die zugehörige Diskussionsseite alles. Einen Eintrag zu Mike Tsalikis gibt es erst gar nicht, obwohl der 1980 mit Kokain im Wert von einer viertel Milliarde Dollar erwischt wurde (!). Auch den Eintrag zu Bogota habe ich, genau wie diesen hier, vom sicheren PC von zuhause aus geschrieben und warte neugierig, ob ab bald dann meine Website nicht mehr erreichbar ist. Man wird sehen.

Die Bilder zum Vergleich von Tabatinga und Leticia kommen irgendwann auf die Website.

Noch eine der Quellenangaben: ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung hat über Jahre hinweg recherchiert, und das ist das Ergebnis:

Thomas Kistner: Die Toten von Leticia. Organraub, Kokainschmuggel und Menschenjagt am Amazonas. DVA München, 2003