Pisco – Ausflug am Ende der Welt

Wer Pisco etwa mit „Pissklo“ assoziiert, hat in mancher Hinsicht nicht ganz unrecht. Vor der Haustuer dieses Kuestenortes liegen die Islas Bellestas, Inseln mit unzaehligen bruetenden Vogelkolonien, die im Laufe der Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen haben: bis zu 50 Meter hoch war die Vogelscheisse, auch als Guano bekannt, sellenweise, bis der systematische Abbau begann. Mitte des 19 Jhd. wurde um diesen damals einzigen Peruanischen Exportartikel sogar Krieg gefuehrt.

Auch ansonsten hinterlaesst dieser Kuestenort im endlosen Nebel zwiespaeltige Gefuehle, denn er hat durchaus 2 Gesichter. Der Lonely Planet 2007 warnt in hoechsten Toenen vor der gegen Touristen gerichteten Kriminalitaet der Stadt, insbesondere Abends und Nachts. Auch die Schlepper und Taxifahrer sind beruehmt fuer die ueblichen Tricks: das Hotel, das man suche, sei gerade abgebrannt, ueberschwemmt, geschlossen, zusammengefallen vom Erdbeben vernichtet oder was auch immer. Kein Wunder, dass der Tourenverkaufer, der zu dem von mir gesuchten Hostels vom Erdbeben spricht, von mir mit Spott ueberzogen wird. Aber dann, welche Ueberraschung: das Erdbeben gab es wirklich, vor 3 Jahren, und das Hostel ist dabei auch zusammengefallen. Die Spuren davon ziehen sich durch die ganze Stadt, 1/3 der Gebaude sind immer noch beschaedigt oder inzwischen abgerissen. 200 Tote hatte die Stadt zu beklagen, es war eine nationale Katastrophe. Allerdings ist auch Wiederaufbauhilfe in die Stadt geflossen, die sehr selektiv verwendet wurde: Ein 7-Meter-Stueck Gehsteig ist zum Beispiel gepflastert und in weit besserem Zustand als die Strasse des zentralen Platzes direkt neben dem Gehsteig, die nur ein Staub- und Schotterhaufen ist. Staub ueber der Stadt, alle Gebaude, Pflanzen, Buesche, Autos verschwinden unter einer Staubschicht, denn ueberall wird noch gebaut. Im Zentrum Spielhoellen allenthalben. Der Laesterling kann sich nun fragen: Kam das Erdbeben wegen der Schlepper oder haben die Tourenverkaufer geahnt, dass ein Erdbeben kommen wuerde? Hier sehe ich erstmals eine Region, die von einer Naturkatasthrophe kuerzlich betroffen wurde. Rudolf Steiner differenziert ja zwischen Naturkatasthrophen und Zivilisationskatastrophen, da habe ich jetzt was zum Nachdenken.

Fuer die Bevoelkerung, vor der wir so ausgiebig gewarnt worden sind (bewaffnete Raubueberfaelle mitten im Zentrum), scheint das eine Art Katharsis und ein Stueck innerer Reinigung gewesen zu sein, vielleicht hin zu der Frage, was eigentlich wesentlich ist im Leben. Die Menschen haben nun etwas an sich, was ich nicht gut beschreiben kann, was vielleicht ein staerkerer gemeinschaftlicher Zusammenhalt genannt werden kann, das mich hier auch sicher fuehlen laesst. Das Aufgebot an Rikhschas jedoch, die sich am spaeten Nachmittag vor unserem Hotel zusammenrotten, laesst mich dann aber doch mulmig werden – wir bleiben im Haus. Auch sind Arbeitssuchende und Armut ueberdeutlich sichtbar. Im Umkreis der Stadt ist kein Anbau moeglich, kleinere Fischerboote sind nur wenige im Einsatz – wovon leben diese Menschen hier?

Am Nachmittag bricht allerdings die Sonne erstmals durch die Nebel, die Aufnahmen von der Stadt sind daher deutlich freundlicher. Die Spuren des Erdbebens sind ueberall sichtbar. Auch die Kirchen sind selbst nach 3 Jahren unveraendert in diesem Zustand. Dagegen ist 1/3 der Rikshas relativ neu, hier ist Geld hereingesteckt worden. Ein Peruaner hat uns erzaehlt, dass sehr viele Peruaner Dinge auf Kredit kaufen, ohne zu ueberschauen, was mit den Rueckzahlungen auf sie zu kommen kann.

Ja, die Bilder zu allen Texten stelle ich ein, sobald ich mal irgendwo bin, wo das geht.

Bis dahin liebe Gruesse!